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Olympia: Es könnten wahre Volksspiele werden – wären da nicht die deutschen Untugenden
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Olympia
Es könnten wahre Volksspiele werden – wäre da nicht der Neid
Von Till-Reimer StoldtPolitik-Redakteur
Veröffentlicht am 23.01.2026Lesedauer: 5 Minuten
Quelle: Martin Diebel/fStop/Getty Images
Vier Kandidaten konkurrieren darum, sich als deutscher Standort für Olympia zu bewerben: München, Hamburg, Berlin und die Region Rhein-Ruhr. Gerade die Bewerbung aus NRW verdeutlicht, woran der Standort D leidet.
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Lassen Sie uns kurz schwelgen: Würden in NRW Olympische Spiele stattfinden – es wären im besten Sinne Volksspiele. Verteilt wären sie auf die Sportstätten von 17 Städten (nie zuvor wurden Olympische Spiele breiter gestreut). Damit könnten rekordverdächtige 160 Millionen Menschen die Spielstätten in unter drei Stunden erreichen. Wer aus dem Fundus von 17 Städten schöpft, kann auch auf weit mehr große Stadien zugreifen. Folglich könnten für die NRW-Spiele 14 Millionen Tickets verkauft werden (ebenfalls mehr denn je). Das brächte niedrigere Ticketpreise – was mehr Menschen eine Teilnahme ermöglichte.
Zudem wären für mehr Sportarten Rekordkulissen gesichert (aufgrund der vier Stadien mit allemal 50.000 Plätzen in Köln, Düsseldorf, Schalke, Dortmund). Bei 17 Städten wäre auch das Angebot vorhandener Sportstätten größer als je zuvor, weshalb mindestens 95 Prozent der Stätten nicht gebaut werden müssten. Ein letzter Jubler noch: Es wären demokratisch legitimierte Spiele, weil die Bewohner aller 17 Städte, vier Millionen Menschen, in 17 Bürgerentscheiden darüber abstimmen werden, ob ihre Stadt Olympia-Ort werden soll.
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Die Last deutscher Hypotheken
Mit diesen Pfunden wuchert die NRW-Landesregierung in ihrer Konkurrenz mit den nationalen Mitbewerbern um Olympische Spiele zwischen 2036 und 2044. Solche Volksspiele könnten Hamburg, Berlin und München kaum bieten. Sie wären abgehängt – wenn, ja wenn da nicht Hypotheken wären, die zwar ganz Deutschland belasten, auf die NRW-Bewerbung aber besonders durchschlagen: der Mangel an guter Infrastruktur. Und ein jederzeit aktivierbares Potenzial an Missgunst. Weshalb sich die Frage stellt: Verhageln die chronischen deutschen Untugenden Bewerbern ihre Chance auf Olympia?
Zunächst zur Infrastruktur: Einen satten Nachteil birgt die NRW-Idee eines olympischen 17-Städte-Verbundes dann doch. Für die Sportler werden An- und Abfahrtswege länger. Das olympische Dorf soll in Köln stehen. Von dort aus würden Fahrten zum jeweiligen Wettbewerb teils über eine Stunde dauern – mit dem Auto und unter der illusorischen Voraussetzung von null Prozent Stau. Laut Internationalem Olympischem Komitee (IOC) muss jeder Spielort aber in maximal 60 Minuten erreichbar sein. „Andere Konzepte“ seien da „kompakter“, so befand diese Woche auch Stephan Brause vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) im Sportausschuss des Landtags.
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Stau, Baustellen, ÖPNV-Defizite
Natürlich haben auch die Mitbewerber ihre Probleme mit Staus, Baustellen und defizitärem ÖPNV. Aber unter diesen gesamtdeutschen Geißeln leidet der dichteste Ballungsraum der Republik, das Rhein-Ruhr-Gebiet, naturgemäß stärker. 2025 nahm die Zahl der Baustellen, Verkehrsstörungen und Stauminuten in NRW auf Autobahnen und in Städten sogar zu im Vergleich zu 2024 (und zwar stärker als im Bundesdurchschnitt). Gleiches galt für den ÖPNV und Regionalverkehr in NRW.
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Deren Zustand ist anno 2026 trostlos. 2036 aber wird alles ganz anders sein! Das verkündet jedenfalls die Politik in NRW. Sie arbeitet mit Bund und Deutscher Bahn längst an einem gewaltigen Modernisierungsprogramm für die Infrastruktur im Land. Ein Beispiel: Der Rhein‑Ruhr‑Express (RRX) soll in einigen Jahren im 15‑Minuten‑Takt zwischen Köln und Dortmund brausen und für mehr Tempo und Pünktlichkeit sorgen. Die 60-Minuten-Obergrenze für An- und Abfahrtswege wäre damit kein Problem mehr. Zudem beschwört die NRW-Politik, es gebe aktuell so viele Baustellen, damit künftig weit weniger von ihnen existierten. Das bestätigen auch die offiziellen Planungen von Bund und Ländern.
Was ist dem „Land der Ingenieure“ noch zuzutrauen?
Nur: Darf man diesen Verheißungen von Behörden und Politik vertrauen? Ist der Standort D noch so leistungsfähig, dass er seine Infrastrukturversprechen verlässlich einhält? Kann es ihm gelingen, etwa die Deutsche Bahn aus einem Garanten der Unpünktlichkeit in einen Garanten der Pünktlichkeit zurückzuverwandeln? Ist dem – Achtung, Anachronismus – „Land der Ingenieure“ in Sachen Organisation und Technik noch zu trauen?
Sollten dies die nationalen Entscheider beim DOSB und gegebenenfalls die internationalen Entscheider beim IOC bezweifeln, hätte NRW dies zwar nicht maßgeblich verschuldet, wohl aber maßgeblich auszubaden. Durch eine gescheiterte Bewerbung voller Aussagekraft.
Die andere gesamtdeutsche Hypothek, die auf NRW schwerer als auf den Mitbewerbern lastet, ist die stets mobilisierbare Missgunst. Sie könnte verhindern, dass NRW bei seinen 17 Bürgerentscheiden ein starkes Votum für die eigene Bewerbung einfährt. Denn: Anders als die Konkurrenz verteilt die Städte-Allianz aus NRW ihre Sportstätten (und damit Renommee, Touristen, Bauvorhaben und viel Geld) nicht innerhalb einer Stadt, sondern an 17 Städte. Das lässt weit mehr Raum für Neiddebatten.
Und siehe da: Dieser Raum wird längst genutzt – etwa von der Linken im Regionalverband Ruhr. Weil das olympische Dorf in Köln, nicht in Essen entstehen soll, schimpft sie: Das mit Olympia verbundene Geld fließe „in die Millionenstadt Köln“, während „Ruhrgebietsstädte zum Kölner Anhängsel degradiert“ würden und „mit Sicherheit nicht in den internationalen Fokus“ kämen. Das duftete zwar nach politischer Kommunikation aus der Jauchegrube, war aber geschickt. Ressentiments zwischen vermeintlich privilegiertem Rheinland und vermeintlich diskriminierten Revier-Underdogs stoßen auf Resonanz. Durch das Schüren solcher Stimmungen könnten Olympiagegner den Ergebnissen einiger der 17 Bürgerentscheide jeden Glanz rauben. Vielleicht führen sie vereinzelt sogar zu einer Ablehnung der NRW-Bewerbung.
Köln und die grünen Großstädter
Die Katastrophe aus NRW-Sicht träte ein, wenn dies in Köln geschähe, der „leading city“ der NRW-Bewerbung. Dort sind die Grünen noch unentschieden, ob sie pro oder contra Olympia votieren. Einzelne prominente Stadt-Grüne haben sich aber schon zum Contra bekannt. Verbände wie der B.U.N.D. unterstützen dies. Sollten Kölns Grüne bei ihrer Mitgliederversammlung kommende Woche tatsächlich gegen Olympia mobilisieren, könnte es dramatisch werden. Denn ihr Einfluss in der Domstadt reicht weit. So gewannen sie die dortige Kommunalwahl mit 25 Prozent der Stimmen. Und damit der Bürgerentscheid gilt, müssen nur zehn Prozent der Wahlberechtigten abstimmen. 5,1 Prozent aller Wahlberechtigten würden also ausreichen, um den Traum von Olympia in NRW zu beenden. In dem Fall bestünde NRWs größte Hypothek – aus grünen Großstädtern.
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