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Schwermetall-Belastung: Eine neue Filteranlage soll die Einträge aus dem alten Bleibergwerk in Mechernich reduzieren
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Neue Filtertechnik
Schwermetalle aus alten Bleigruben – und was dagegen zu tun ist
Von Andreas FaselRedakteur Nordrhein-Westfalen
Veröffentlicht am 17.01.2026Lesedauer: 7 Minuten
Unscheinbare Giftquelle: Das Mundloch des Burgfeyer Stollens (links im Bild) in MechernichQuelle: Andreas Fasel
Aus einem stillgelegten Bleibergwerk in der Eifel fließen tonnenweise giftige Schwermetalle in Richtung Rhein. Eine moderne Filteranlage soll Abhilfe schaffen. Doch andernorts bleiben die Probleme mit dem Erbe des früheren Erzabbaus bestehen.
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„Spiel nicht im Sand! Trink nicht aus dem Bach!“ Mit solchen Verboten sei er groß geworden, erzählt Oliver Krischer. Der NRW-Umweltminister (Grüne) hat seine Kindheit im Eifeldorf Hergarten verbracht, Adresse: „Zum Bleiberg“ – ein Straßenschild wie eine Gefahrguttafel. Von dort sind es nur gut zehn Kilometer bis zu der Stelle, wo der Minister jetzt, an einem Januarmorgen, gemeinsam mit einem Pulk von Lokalpolitikern und Journalisten in der Eiseskälte steht: am Rand der Landstraße 61, die von Mechernich-Burgfey nach Satzvey führt.
Gleich neben der Straße rauscht Wasser durch ein verrostetes Gitter aus einem Loch. Dies ist der Ablauf eines Stollens, der sieben Kilometer tief in jenen Bleiberg hineinführt, der Oliver Krischers Kindheitsadresse den Namen gab.
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Jahr für Jahr spült dieses Wasser mehr als 50 Tonnen an gesundheitsschädlichen Schwermetallen aus dem Berg heraus: Zink, Cadmium, Kobalt, Blei, Arsen. Und vor allem: Nickel. Der Burgfeyer Stollen sei die größte Nickel-Quelle in Deutschland, erklärt Krischer. Die Werte lägen hier um ein 65-Faches über den sogenannten Umweltqualitätsnormen. Über den Veybach, die Erft und den Rhein gelangen die Metalle schließlich in die Nordsee. Erst im vorigen Jahr, erzählt Krischer, habe man ihm bei einem Besuch in Rotterdam den mit Schwermetall belasteten Schlick gezeigt, der dort aus dem Hafenbecken gebaggert werden müsse. Und man habe ihn darauf hingewiesen, dass man wisse, woher das Gift stamme. „Mechernich ist den Niederländern bekannt.“
Das Bergwerk in Mechernich war einst Europas größte Bleimine, noch heute liegen dort große Mengen Blei im Boden. Dieses Gemälde von Johann Joseph Leyendecker entstand 1854Quelle: picture alliance/akg-images
Doch der Minister ist nicht gekommen, um diesen Zustand zu beklagen. Vielmehr verkünden er und die ebenfalls angereiste Wirtschaftsministerin Mona Neubaur, dass das uralte Umweltproblem nun endlich gelöst werde. Das belastete Stollenwasser soll gereinigt werden. Dazu soll wenige Hundert Meter talabwärts am Rand des kommunalen Klärwerks eine Filteranlage gebaut werden, in der über ein sogenanntes Ionenaustausch-Verfahren die Schwermetalle aus dem Wasser gezogen werden können. Jahrelang liefen die Vorbereitungen und Studien zu der Anlage. Jetzt endlich sei die Technik ausgereift, sagen Vertreter des Erftverbands, der für den Bau verantwortlich ist. Die Baukosten, rund 30 Millionen Euro, übernimmt das Land, pro Jahr fallen weitere 1,2 Millionen an Betriebskosten an. 2031 soll mit der Reinigung begonnen werden. Ein Projekt mit Vorbildcharakter, so loben alle Beteiligten beim Ortstermin.
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Bis zur Römerzeit lässt sich in Mechernich die Geschichte des Erzabbaus zurückverfolgen, erst 1957 wurde der Betrieb eingestellt. Mit bis zu 4000 Angestellten war die Mechernicher Bleimine lange Zeit die größte in Europa. Doch auch anderswo in NRW wurden Erze aus dem Boden geholt. In den Mittelgebirgslagen von Eifel, Bergischem Land, Sieger- und Sauerland existierten viele Hundert Minen – vom Zwei-Mann-Betrieb bis zur industriell geführten Zeche. Und genauso wie der Steinkohleabbau im Ruhrgebiet oder die Braunkohleförderung im Rheinischen Revier auf lange Sicht die Umwelt belasten, haben auch diese Altbergbaue ein Erbe hinterlassen, das bis heute Probleme bereitet.
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So etwa im sauerländischen Brilon, wo man ebenfalls schon zu Zeiten der Römer Bleierze förderte. Seit Jahren werden dort Untersuchungen durchgeführt. Bereits 2013 wurde der Bleigehalt im Blut von 223 Briloner Bürgern gemessen – Ergebnis: Die erhöhten Werte ließen sich auf den Verzehr von selbst angebautem Gemüse oder „intensiven Bodenkontakt“ zurückführen. Zunächst begnügte sich die Verwaltung des Hochsauerlandkreises mit Handlungsempfehlungen für die Bevölkerung. Schon das sorgte in der Stadt für hitzige Debatten. Doch nun, nach einer erneuten Beprobung des Erdreiches, legt man nach: Bei 300 Grundstückseigentümern müsse man verbindliche Vorgaben für die Nutzung machen und auf 40 Grundstücken müsse der Boden ausgehoben werden, so heißt es in einer Mitteilung der Kreisverwaltung vom 9. Januar.
In dieser Mitteilung wird auch erklärt, dass manche Böden in Brilon „naturbedingt“ kritische Schwermetallwerte aufwiesen, also nicht nur eine Folge des früheren Abbaus seien. Solche Hinweise finden sich auch in anderen Regionen, in denen Erze im Boden liegen. Dennoch sei der Zusammenhang zwischen Altbergbau und erhöhten Konzentrationen offensichtlich, erklärt Ulrich Herweg. Der Geograf und Geologe war bis zu seiner Pensionierung Leiter der Bodenschutzbehörde im Oberbergischen Kreis, einer Region, in der vor allem ab Mitte des 19. Jahrhunderts Dutzende Erzgruben betrieben wurden. In deren Umfeld ließ Herweg seit den 1980er-Jahren Messungen vornehmen. „Regenwasser und Bäche spülen immer Schwermetalle aus dem Boden, wenn sie darin enthalten sind“, sagt er, doch die Einwirkungen durch den Bergbau verstärkten diesen Effekt. „Das kann man an den Ablagerungen entlang der Flüsse deutlich erkennen.“ Und in den sogenannten Abstrombereichen alter Bergwerke gibt es auch im Bergischen Land Empfehlungen etwa für den Anbau für Gemüse. Anders als in Mechernich oder Brilon seien im Oberbergischen keine weiteren Maßnahmen notwendig, sagt Herweg. „Es muss ja auch die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben.“
Das Abwägen von möglichen Gesundheitsgefahren einerseits und den Kosten für eine Gewässer- oder Bodensanierung andererseits gehört zum Alltag in den alten Erzabbau-Regionen. So beschreibt es auch Arno Wied, Umweltdezernent im Kreis Siegen-Wittgenstein. In seinem Zuständigkeitsbereich liegt an vielen Orten belasteter Abraum aus aufgelassenen Gruben. Die darin enthaltenen Schwermetalle werden vom Regen ausgewaschen oder bei Trockenheit vom Wind aufgewirbelt. „Und natürlich müssen wir in jedem Fall überlegen, wie wir damit umgehen.“
Spezialisiert für das Leben auf giftigem Untergrund: Galmei-FrühlingsmiereQuelle: picture alliance/blickwinkel/A. Jagel
An zwei Beispielen erklärt der Dezernent, dass dabei ganz unterschiedliche Aspekte eine Rolle spielen. Das ehemalige Littfelder Grubengelände in Kreuztal, wo über Jahrhunderte verschiedenste Erze abgebaut wurden, sei mittlerweile ein eingetragenes Bodendenkmal. „Dort ist zu sehen, wie Bergbau in früheren Jahrhunderten funktionierte“, sagt Wied. Und weil von diesem abgelegenen Gelände keine Gefährdung ausgehe, lasse man es einfach in Ruhe. Schwieriger sei die Entscheidung bei den Halden der Peterszeche in Burbach. Dort lagern Arsen, Blei und Cadmium. Auf diesem eigentlich lebensfeindlichen Untergrund haben sich allerdings Pflanzen wie Galmei-Grasnelken und Galmei-Frühlings-Mieren angesiedelt, sodass das zweieinhalb Hektar große Areal als bedeutendes Flora-Fauna-Habitat gilt. Handlungsbedarf bestehe dennoch, sagt Wied. Denn seit einigen Jahren werde das Gelände von Mountainbikern und Motocrossfahrern aufgesucht. Und immer wieder ließen sich dort Familien zum Picknick nieder. Warnungen vor möglichen Gesundheitsschäden, die man regelmäßig herausgebe, scheinen nicht abzuschrecken. Doch ein Abbaggern des kontaminierten Bodens mitsamt Entsorgung in einer Spezialdeponie würde rund 26 Millionen Euro kosten. „Das erscheint uns nicht angemessen.“ Also suche man nach anderen Lösungen. In einigen Bereichen soll nun Erdreich aufgetragen werden, „um die Gefahr durch Stäube zu minimieren“. Und einige Abschnitte werde man wohl mit Zäunen abriegeln.
Die Siegerländer Peterszeche findet sich in einer Aufstellung der „zwölf Hauptbelastungsquellen des Schwermetalleintrags aus dem Erzbergbau in die Oberflächengewässer von NRW“, die 2012 von der Landesregierung herausgegeben wurde. Auf Platz 1: der Burgfeyer Stollen in Mechernich, dessen Wasser nun gefiltert werden soll. Dicht dahinter, auf Platz 2, steht die Grube Lüderich im Rheinisch-Bergischen Kreis. Über Jahrhunderte wurden auch hier Schwermetalle abgebaut, der Betrieb schloss erst 1978 – als eine der letzten Blei- und Zinkgruben der Bundesrepublik.
Jede Sekunde strömen 300 Liter belastetes Wasser aus dem Mundloch des 7,5 Kilometer langen Burgfeyer Stollens in MechernichQuelle: Andreas Fasel
Jährlich werden aus den alten Lüderich-Stollen und Halden hundert Tonnen Zink, Cadmium, Kobalt und Nickel in die Sülz gespült, einen Fluss, der über die Agger zum Rhein führt. Der Verein „Lebenswertes Sülztal“ hat in den vergangenen Jahren mehrere Vorstöße unternommen, die Verunreinigungen zu beenden. Die Kreisverwaltung winkte ab, man könne das Wasser nicht mit vertretbarem Aufwand filtern, hieß es. Denn anders als in Mechernich, wo die Schadstoffe allesamt über den Burgfeyer Stollen herausgeschwemmt werden, geraten sie hier an vielen Stellen in den Fluss – „Belastung aus vielen diffusen Quellen“, heißt es beim Umweltamt. Doch der Sülztal-Verein gibt nicht auf. „Wir haben zuletzt vorgeschlagen, es mit Phytosanierung zu versuchen“, berichtet ein Vereinssprecher. Dieses Verfahren, bei dem Schwermetalle mithilfe von Pflanzen und Bakterien aus dem Wasser geholt werden, ist zwar weniger effektiv als eine Ionenaustausch-Anlage, aber auch weitaus günstiger. Bisher sind die zuständigen Umweltbehörden nicht darauf eingegangen. Stattdessen behilft man sich damit, der Sülz einen Sonderstatus zu verpassen – mit einer „Festlegung weniger strenger Umweltziele“.
Es sei „eigentlich eine Schande“, dass man das Problem jahrzehntelang ignoriert habe, sagt Umweltminister Krischer, als er am Mechernicher Bleiberg den Bau „der größten Schwermetallreinigungsanlage dieser Art“ ankündigt. Mit der Schande an der Sülz wird er sich noch befassen müssen.
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