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Nordsee: Monatelang auf der Hallig Norderoog allein unter Vögeln
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Nordsee
Allein unter Vögeln auf einer Hallig
Von Birgitta von Gyldenfeldt
Veröffentlicht am 12.09.2024Lesedauer: 5 Minuten
Vogelwartin Nele Waltering steht auf dem Anleger der Hallig Norderoog, im Hintergrund ist ihre Unterkunft zu sehenQuelle: Christian Charisius/dpa
Monatelang lebt Nele Waltering als einziger Mensch auf der kleinen Hallig Norderoog im nordfriesischen Wattenmeer – und zählt Vögel. Zum Waschen und Duschen läuft sie durch das Watt. Nur außerhalb der Brutzeit dürfen Besucher kommen, einsam fühlt sich die 28-Jährige aber nicht.
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Zum Glücklichsein braucht Nele Waltering nicht viel. Ein Fernglas, einen guten Kaffee zum Start in den Tag vielleicht – und viele Vögel. Waltering ist seit April Vogelwartin auf Norderoog und lebt hier monatelang allein in einem einfach eingerichteten Pfahlbau. Die nur etwa zehn Hektar große Hallig im schleswig-holsteinischen Wattenmeer gehört seit 1909 dem Vogelschutz und Naturschutzverein Jordsand. Seitdem dient sie ausschließlich dem Naturschutz und insbesondere dem Vogelschutz.
Menschen leben hier – bis auf den Vogelwart oder die -wartin in der Saison – nicht. Nur außerhalb der Brutzeit dürfen Besuchergruppen mit Genehmigung auf die Hallig, die in der Schutzzone I des Nationalparks liegt.
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Nele Waltering, 28 Jahre alt, kommt aus Aachen, studiert in Rostock Umweltingenieurwissenschaften und nimmt sich auf Norderoog eine Art Auszeit vor der Masterarbeit. Nach dem Abi machte sie ein freiwilliges ökologisches Jahr auf Sylt. Ihre Mutter brachte sie auf den Norden und seine Inseln.
Quelle: Infografik WELT
Waltering selbst hatte mit 18 Jahren eher an etwas wie „Schildkröten retten“ gedacht. Doch diese Art Freiwilligenarbeit im Ausland kostet viel Geld und ist auch nicht ganz unumstritten. Deswegen Sylt. Später, während der Semesterferien, machte sie ein Praktikum beim Verein Jordsand. Die Vögel und das Meer sind ihr also vertraut. Allerdings unterscheidet sich das Leben auf Sylt doch grundlegend von dem auf einer kleinen Hallig mitten im Wattenmeer.
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Zum Duschen und Waschen geht es nach Hooge
Das Leben auf Norderoog kann nicht nur einsam werden, sondern stellt an die Saisonbewohnerin auch einige logistische Herausforderungen. In dem Pfahlbau gibt es kein fließendes Wasser. Zum Wäschewachsen und Duschen läuft sie regelmäßig durchs Watt zur Hallig Hooge.
Im dortigen Lebensmittelgeschäft kauft sie frische Sachen, Obst und Gemüse etwa. Haltbare Lebensmittel hat Waltering direkt bei ihrer Überfahrt mit dem Boot im Frühjahr mitgebracht. „Mein Rucksack wiegt mit der Wäsche und der Sicherheitsausrüstung für das Watt auch so schon schnell 20 bis 25 Kilo.“
Das Bild zeigt die nur etwa zehn Hektar große Hallig Norderoog aus der VogelperspektiveQuelle: picture alliance/blickwinkel/C. Kaiser
Immerhin gibt es seit dieser Saison WLAN auf Norderoog. Zweck ist nicht, dass die temporären Bewohner besser Serien und Filme streamen oder Videotelefonieren können, sondern dass möglichst viele Menschen an den Geschehnissen auf Norderoog teilhaben können. Denn auf Norderoog läuft aktuell das Projekt Klimahallig, mit dem die Auswirkungen des Klimawandels auf das sensible Ökosystem Wattenmeer veranschaulicht und die Öffentlichkeit darüber informiert werden sollen.
Aber gelegentlich einen Film schauen könnte Waltering. „Tatsächlich habe ich das aber erst zweimal gemacht“, sagt sie. Lieber beobachtet sie die Vögel, sieht sich die Sonnenuntergänge an – „und danach ist es schon so spät“.
Auf der Veranda des Pfahlbaus steht ein Fernglas zur VogelbeobachtungQuelle: Christian Charisius/dpa
Waltering hatte erwartet, dass es hart werden könnte, so ganz allein inmitten des Wattenmeers. Aber sie sei immer schon ganz gut „mit sich selbst klargekommen“, sagt sie. „Und es gibt so viel zu gucken. Es ist einfach viel zu spannend, um sich einsam zu fühlen.“ Waltering hält kurz inne, schaut vom umlaufenden Balkon des Stelzenhauses über die Hallig und das Meer. Und sagt dann: „Ich glaube, ich habe mich unter Menschen schon einsamer gefühlt als hier.“ Und außerhalb der Brutzeit darf sie auch Besuch bekommen. Ihre beste Freundin war schon hier, ihr Freund kommt demnächst.
Die Kükenflut war ein trauriges Ereignis
Die Zählung der rastenden und brütenden See- und Küstenvögel ist Walterings Hauptaufgabe. Mit Begeisterung in der Stimme kann die Vogelwartin von den verschiedenen Vögeln erzählen, die sie beobachtet hat, von dem Geräusch schlagender Schwingen, wenn ein Schwarm Gänse vorüberfliegt und die Abendstille durchbrochen wird, von dem Anblick Tausender brütender Vögel, die auffliegen, wenn ein Seeadler sich nähert.
Brandseeschwalben fliegen über eine Wiese auf der NorderoogQuelle: picture alliance/dpa/Harro Müller
Aber auch traurige Momente musste Waltering erleben. Die sogenannte Kükenflut Anfang Juni beispielsweise, bei der die Hallig überflutet wurde und viele Vögel ihre Küken und Eier verloren haben. Aus nächster Nähe musste sie beobachten, wie Gelege wegtrieben, Elterntiere versuchten, Stöckchen unter die Nester zu schieben, damit die Küken nicht nass werden.
Ereignisse wie diese zu dokumentieren, gehört auch zu Walterings Aufgaben. Dass es so etwas gibt, wurde ihr im Vorstellungsgespräch gesagt. Es selbst zu erleben, ist eine andere Sache. Doch unter anderem Telefonate mit Vorgängern halfen ihr, mit der belastenden Situation umzugehen.
Norderoog ist nicht die einzige Vogelinsel
Norderoog ist nicht das einzige Eiland in Nord- und Ostsee, das den Vögeln überlassen wurde. In Schleswig-Holstein gibt es etwa noch Trischen in Dithmarschen. Auch hier wird seit 1909 Vogelschutz betrieben, in den 1920er-Jahren gab es hier jedoch auch einen Bauernhof und mehr als 80 Hektar eingedeichtes Land, wie der Nabu auf seinen Internetseiten mitteilt. Heute wohnt auf Trischen nur noch im Sommer der Vogelwart des Nabu in einer rund 15 Quadratmeter großen Holzhütte auf Stelzen.
Im Hamburgischen Wattenmeer liegt die Vogelinsel Scharhörn. Weiter westlich, im niedersächsischen Wattenmeer – zwischen Borkum und Juist – ist die Vogelinsel Memmert zu finden.
Und auch in der Ostsee gibt es Vogelinseln. So brüten beispielsweise auf Langenwerder nordöstlich von Poel in Mecklenburg-Vorpommern auf rund 22 Hektar Tausende Seevögel. Das Vogelschutzgebiet wurde 1910 gegründet und ist damit das älteste an der deutschen Ostseeküste. Die Insel ist wie die anderen ebenfalls für Besucher grundsätzlich gesperrt, außerhalb der Brutzeiten werden aber Führungen angeboten.
Noch bis Ende Oktober wird Waltering auf Norderoog bleiben. Die Stelle des Vogelwarts für die kommende Saison ist schon ausgeschrieben. Ganz einfach sei der Job sicherlich nicht, sagt Paul-August Schult, der naturschutzfachliche Leiter der Regionalstelle Nordfriesland des Vereins Jordsand.
Man müsse zum einen die Zeit haben, ein halbes bis dreiviertel Jahr aus seinem normalen Leben, dem normalen Job herauszukommen. Man müsse mit sich selbst gut klarkommen, die Einfachheit mögen, gewisse Vorkenntnisse vom Watt haben – auch um die Strecke nach Hooge allein bewältigen zu können. Aber es sei eine faszinierende Aufgabe. „Und es ist gleichzeitig auch ein großes Privileg, da zu sein, wo sonst niemand sein darf.“
Weitere Informationen: Norderoog: jordsand.de/schutzgebiete/hallig-norderoog/, klimahallig.de; Informationen des Nabu zu Trischen: schleswig-holstein.nabu.de; Memmert: nlwkn.niedersachsen.de; Langenwerder: inselpoel.org/langenwerder/
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