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Ostsee-Insel Poel: Eine wie keine
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Mecklenburg-Vorpommern
Auf der Ostsee-Insel Poel weitet sich der Blick
Von Nicole Quint
Veröffentlicht am 29.09.2024Lesedauer: 6 Minuten
Ein schöner Ort zum Abschalten: Strandkörbe am Schwarzen Busch auf PoelQuelle: picture alliance/Zoonar/LIANEM
In der Liga der größten deutschen Inseln belegt Poel nur den unspektakulären siebten Platz. Als Biotop für stille Genießer ist das Eiland mit seinen beschaulichen Dörfern, weichen Sandstränden, ausgedehnten Salzwiesen und einem alten Küstenwald aber Spitzenklasse.
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Immer wenn der diensthabende Himmelszeltverleiher einen besonders klaren, besonders blauen Baldachin über die Ostsee spannt, rufen Boltenhagen, Heiligendamm, Warnemünde, Usedom und Rügen um die Wette, um Urlauber für die Küste Mecklenburg-Vorpommerns zu begeistern. Durch den Chor dieser touristischen Locklieder dringt, kaum vernehmbar, eine leise, aber beharrliche Stimme, die ein Date mit langen Sandstränden, hübschen Häfen und sehr viel Ruhe verspricht. Poel lautet der Name des Ortes, an dem einen all diese Verheißungen erwarten, und das Beste: Poel ist eine Insel – und denen, das weiß doch jeder, wohnt ein besonderer Zauber inne.
Knapp zehn Kilometer nördlich von Wismar gelegen, ist Poel über einen schmalen Damm mit dem Festland verbunden. Auf der anderen Seite empfängt ein Schild die Inselgäste mit den plattdeutschen Worten „Peul – wat för Luftsnappers“. Luftschnappen und das wohltuende Inselklima genießen, das wollen sie hier alle, und die zuverlässige Wirkung wellenumspülter Landschaften spüren wollen sie auch, denn die lassen den Menschen heiter und gelassen werden.
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Begegnen sich auf Poel zwei Flaneure auf ihrer Tour entlang des Wellensaums, grüßen sie einander freundlich und zugewandt. Eine Erfahrung, die man in Städten so schon lange nicht mehr machen kann. Poel verändert einen im Handumdrehen. Der Ackerschnacker (also das Mobiltelefon) bleibt ausgeschaltet, und für den Rest des Tages gilt: „Loot di Tied is ok een Walzer“ – „Lass’ dir Zeit. Immer mit der Ruhe.“
Quelle: Infografik WELT
Der Inselname stammt allerdings nicht aus dem Plattdeutschen, sondern soll seinen Ursprung im slawischen Poltje haben, was für „flaches Land“ steht. Er könnte sich aber auch vom altnordischen Phol herleiten, dem Namen des germanischen Lichtgottes. Ein strahlend heller Indigohimmel liefert ein starkes Argument für den göttlichen Namenspaten.
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So oder so schenkt das fabelhafte Insellicht gemeinsam mit sanftem Meeresrauschen, raschelndem Strandhafer und lachenden Möwen allen Poel-Besuchern den Gegenzauber zu Feinstaub, Asphalt und LED-Sparlampen. In Städten ist es schwer, offene Flächen zu finden, Plätze, an denen man den Horizont als lange ununterbrochene Linie erfahren kann. Umringt von Hochhäusern und Mauern wird man kurzsichtig. Die Ostsee weitet den Blick wieder.
In der DDR ein Erholungsort für Familien
Ein Ort ungestörter Fernsicht ist auch ein Symbol für Freiheit; eine Freiheit, die sich seit dem Mauerfall auf Poels 37 Quadratkilometern wieder richtig breit machen kann. Sperrgebiet war Poel zu DDR-Zeiten nicht. Zwar wurde die Insel militärisch genutzt, doch die Beschäftigten der volkseigenen Betriebe konnten ihre Kinder in Ferienlager schicken, und der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) vermittelte Poel-Urlaube für die ganze Familie. Neben Feriensiedlungen waren zahlreiche Privatzimmer im Angebot. „Schweine raus, Sachsen rein!“, hieß es, um alles, was Tür und Dach hatte, an die erholungsbedürftigen Landsleute aus dem Süden vermieten zu können.
Protzige Hotelbauten braucht man auf Poel nicht zu fürchtenQuelle: picture alliance/Zoonar/LIANEM
Nach der Wende sollte der Ort seinen Charakter bewahren dürfen. Für Turbokapitalismus und Massentourismus haben die Poeler deshalb keinen Platz gemacht und damit verhindert, dass ihre Insel dem Kommerz überlassen und ihrer Besonderheit beraubt wird. Statt eines gewöhnlichen Kassenschlagers mit protzigen Hotelbauten und von Souvenir- und Imbissbuden gesäumten Strandpromenaden reichen Poel ein überschaubares, aber gutes Angebot an Ferienquartieren, Cafés und Gaststätten.
Für die Entfaltung der insularen Anziehungskraft sind ohnehin die beschaulichen Dörfer, samtweiche Sandstrände, ausgedehnte Salzwiesen, ein alter Küstenwald sowie Wander-, Rad- und Reitwege zuständig. So beglückt Poel vor allem Menschen, denen Landschaft und Wetter genügen. Den Kopf im Wind, die Füße im Sand und ein Fernglas in der Hand, denn vor der Nordspitze Poels liegt die kleine Nachbarinsel Langenwerder, die bereits 1910 zum Schutzgebiet für Watt- und Wasservögel erklärt wurde und die fast nie betreten werden darf.
Kirchdorf ist der Hauptort und geografische Mittelpunkt von PoelQuelle: Getty Images/imageBROKER RF
Im Rahmen ornithologischer Führungen kann man sie von Juli bis Oktober jedoch in kleinen Gruppen erkunden. Und selbst vom Poeler Ufer aus, in Höhe des Badeortes Gollwitz, lassen sich Austernfischer, Sturmmöwen, Brandgänse, Rotschenkel und Sandregenpfeifer auch beobachten, denn Langenwerder liegt in Sichtweite. Wattwurm, Krabbe oder Schnecke möchte man hier, angesichts der Vogelschar, gewiss zu keiner Jahreszeit sein.
Glücksmomente am Strand von Poel
Auf Poel sind die bis zu zehn Meter hohen Steilküsten ein Highlight im Wortsinn. Unzählige Uferschwalben haben hier ihre Brutröhren in die Sandschichten gegraben, die sich an der Nordseite und im Westen der Insel erheben. Unterhalb dieser Kliffs liegen viele Findlinge – Steingiganten, die von Gletschereis über 1000 Kilometer weit transportiert wurden und vor allem aus Schweden, Dänemark und Finnland stammen. Fossilien findet man hier eher selten, doch eine bunte Ansammlung von Granit, Feuerstein, Gneis und Kalkstein erzählt Geschichten aus allen Erdzeitaltern.
Ein Highlight auf Poel sind die bis zu zehn Meter hohen SteilküstenQuelle: picture alliance/Zoonar/sven h
Besonders Glücklichen leuchtet auf ihren Strandspaziergängen auch eine Harzträne baltischer Urwaldbäume entgegen – der begehrte Bernstein. Wenn Wellen das Ufer hochlaufen, schwungvoll durch die Gesteine wirbeln und sich dann wieder zurückziehen, klingen die kullernden Kiesel, als würden sie den Steinsammlern, die ihnen so viel Aufmerksamkeit schenken, kräftig applaudieren. Ein weiterer Moment des Glücks, der für immer an diese Meereslandschaft geknüpft ist. Die Erinnerung an deren großartige Choreografie aus Farbe, Licht und Formen hilft allen Poel-Besuchern, fortan ein wenig leichter durch den grauen Alltag zu kommen.
Tipps und Informationen:
Anreise: Autofahrer nehmen die Autobahn A20 bis Wismar und fahren weiter über A 14 und B 105 zur L121 bei Groß Strömkendorf auf den Damm, der Poel mit dem Festland verbindet. Zwischen Wismar und Poel verkehrt die Buslinie 230 regelmäßig (nahbus.de). Am schönsten steuert man die Insel auf einem Ausflugsschiff an. Die starten von Ostern bis Oktober mehrmals täglich vom Alten Hafen in Wismar, seit April bietet die Reederei mit einem Elektro-Fahrgastschiff auch eine umweltfreundliche Verbindung an, die Überfahrt dauert rund eine Stunde, Ticket für Erwachsene: 19,50 Euro (adler-schiffe.de).
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Unterkunft: Pensionen, Hotels, Ferienwohnungen und -häuser finden sich auf insel-poel.de, pas-poel.de und poel.de. Der einzige Campingplatz auf Poel liegt direkt hinter den Dünen bei Timmendorf (campingplatz-leuchtturm.com).
Sehenswertes: In Kirchdorf, Hauptort und geografischer Mittelpunkt Poels, sind die Ruinen des Schlosswalls zu besichtigen, der einst die Festungsanlage des mecklenburgischen Herzogs Johann Albrecht II. schützte. Mehr über die Geschichte und Traditionen Poels erfahren Besucher des Kirchdorfer Inselmuseums. Unweit des Badeortes Schwarzer Busch erinnert ein Denkmal an die Opfer der „Cap Arcona“-Katastrophe, bei der 1945 Tausende KZ-Häftlinge beim Untergang des versehentlich versenkten Luxusliners starben. Informationen über die Vogelschutzinsel Langenwerder und Termine für Führungen: langenwerder.de
Weitere Infos: ostseebad-insel-poel.de, auf-nach-mv.de
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