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Mittelalter: 600 Jahre alte Ziegel entdeckt  Ich wusste, es ist etwas Außergewöhnliches





600 Jahre alte Ziegel

Ich wusste, es ist etwas Außergewöhnliches

Veröffentlicht am 01.08.2024Lesedauer: 3 Minuten



Bauforscher Peter Barthold mit einem historischen Dachziegel
Bauforscher Peter Barthold mit einem historischen DachziegelQuelle: dpa

Der Abfallcontainer stand bereit, da entdeckten Bauforscher in einer Kirche historische Ziegel. Und mit ihnen eine Dachdeckungsart, die im Mittelalter in Vergessenheit geraten war. Warum, wollen die Wissenschaftler nun rekonstruieren  indem sie die Fragmente zusammensetzen.



Die womöglich wichtigste Entdeckung seiner Laufbahn machte Peter Barthold mit einer Stirnlampe auf dem Kopf. Vor Monaten begutachtete der Bauforscher vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe die evangelische Kirche im ostwestfälischen Borgholzhausen, zwischen Osnabrück und Bielefeld. Im Sommer 2023 stand die Dachsanierung an, es folgte eine bauhistorische Untersuchung.
Dabei stieß Barthold über einem Gewölbe auf einen Trichter. Handwerker hatten über Jahrhunderte hinweg immer wieder ihren Abfall darin hinterlassen: Mörtelreste, seltene Metallstücke von Werkzeugen und Kochgeschirr, eine Schicht Schieferschindeln. Die Trümmer sollten über eine Rutsche im Abfallcontainer entsorgt werden.



Insgesamt 20 Eimer voller Ziegel wurden geborgen, manche intakt, andere zerbrochen
Insgesamt 20 Eimer voller Ziegel wurden geborgen, manche intakt, andere zerbrochenQuelle: dpa

Doch kurz zuvor wurde Barthold auf Fragmente aufmerksam, die den erfahrenen Experten  er steht kurz vor dem Ruhestand  nach eigener Aussage sprachlos machten: In dem großen Berg aus Schutt und Bauresten verbargen sich Dachziegel aus dem 14. Jahrhundert.
Ich wusste, es ist etwas Außergewöhnliches. So eine Funddichte habe ich noch nie gehabt, sagte der Bauforscher nun bei der Vorstellung in Münster. Insgesamt 20 Eimer voller zum Teil zerbrochener Ziegel bargen Barthold und seine Mitarbeiter aus dem Schutthaufen  und mit ihnen die Zeugnisse einer Dachdeckungsart, die im Mittelalter in Vergessenheit geraten war: der sogenannten Mönch-Nonne-Deckung.



Bei diesem mittelalterlichen Dachziegel sind Nase und Zapfen gut zu erkennen
Bei diesem mittelalterlichen Dachziegel sind Nase und Zapfen gut zu erkennenQuelle: dpa

Dabei wurden unterschiedliche Rinn- und Deckziegel übereinander gelegt. Eine Besonderheit an den Ziegeln ist ihre Nase, die sie vor dem Verrutschen schützt. Es ist der bisher größte mittelalterliche Ziegelfund in einem westfälischen Bauwerk, sagte der Leiter der Bauforschung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), Michael Huyer.
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Jetzt sollen die Funde wie bei einem Puzzle zusammengefügt werden, um mit Archäologen, Denkmalpflegern und Architekten die Dachdeckungsart zu untersuchen  und zu erforschen, warum sie durch Schindeln ersetzt wurde. Möglicherweise war die Handhabung zu kompliziert oder teuer, das Legen und Befestigen der Ziegel zu aufwendig.


Bauforscher Peter Barthold fügt einige der historischen Dachziegel zusammen
Bauforscher Peter Barthold fügt einige der historischen Dachziegel zusammenQuelle: dpa

Möglicherweise erwies sich die Konstruktion auch nicht als praktikabel  weil zu statisch. Das darunter liegende Holz wurde frisch geschlagen verbaut und war damit noch in Bewegung, wie Huyer erklärte. Vermutlich im 15. oder 16. Jahrhundert wurden die Ziegel in Borgholzhausen durch Schiefer ersetzt. 
Normalerweise halten Dachziegel rund 100 Jahre, doch bei diesem Fund sind die Ziegelreste rund 600 Jahre alt. Das Alter der Keramik selbst lässt sich zwar nur ungenau bestimmen, wohl aber jenes der Kirchendachkonstruktion: Hier ermittelten die Wissenschaftler, dass das Holz aus der Zeit um 1336 stammt. Die Kirche im Kreis Gütersloh ist eine kreuzförmige Anlage mit Westturm und wurde aus Bruchsteinen gebaut. Bekannt ist sie für ihren Steinaltar im Chorraum aus dem Jahr 1501. 

Ein vergleichbarer Fund ist in ganz Deutschland nur aus dem niedersächsischen Uelzen bekannt. Auch gibt es Hinweise auf Bauten in Dänemark. Die Deckungsart an sich ist seit dem Altertum bekannt. Dabei war sie nicht nur bei Kirchen und hochrangigen Bauten verbreitet, sondern prägte laut LWL auch das Erscheinungsbild der mittelalterlichen Städte in Westfalen. Nachweisbar war sie bislang allerdings nur mithilfe von historischen Bildquellen. 
dpa/cél